Zu den Autoren: Petra Hornung, Berlin, Kunsthistorikerin und freie Autorin Berlin
Dr. Annette Dorgerloh, Kunsthistorikerin Berlin, lehrt an der Humboldt Universität Berlin
Burkhard Baltzer,
Kulturjournalist und freier Autor, lebt in Tübingen/Berlin
Petra Hornung petrahornung@gmx.de
Laudatio zu Seltmann, `Arbeiten auf Papier und in Beton`, Vernissage
16.10.2008, Galerie am Gendarmenmarkt
Sehr geehrte Gäste, liebe Kerstin Seltmann, lieber Karger,
es war für die Zeichnungen von Kerstin Seltmann immer mit
einem Wagnis verbunden, sich in der Nähe von den großen, mitunter schwerleibigen
und farbintensiven Gemälden von ihr aufzuhalten. Denn obwohl sich die
Zeichnungen innerhalb ihres jeweiligen Refugiums durchaus behaupten konnten,
leben durften, mussten sie naturgemäß am Ende zu kurz kommen.
Nicht, dass die Wirkung der Seltmann`schen Bild-Stücke, in
ihrer beunruhigend schönen und dennoch unversehens in Melancholie wandelnder
Dramatik – je aus meiner Seele geraten könnten … So galt meine – gar nicht mal
heimliche - so aber doch unerfüllte Liebe - gerade diesen unglaublich
aufregenden und geheimnisvollen Gebilden kleineren Formats. Und ich werde jetzt
etwas tun, was ich noch nie im Leben getan habe. Ich werde mich selbst zitieren
aus meinem Text zu der wunderbar, spannungsreichen Ausstellung „gegenüber“ mit Arbeiten
von Kerstin Seltmann und Michael Schönholz, in der Galerie am Wasserturm,
damals, ich glaube 2003. Zitat: „ Die Räume sind gefangen in jener
schwerwiegenden Atmosphäre, die eine Andacht anbahnt, der man schlicht ausgeliefert
ist“ … „blau scheint auf; ist Nacht oder Ozean, Himmel oder Abgrund. Aus weiter
Ferne schon – bereits am Eingang dieser Ausstellung ist die Berührung vom Bilde
aus zu spüren. Sie steigert sich zu einer Anziehung, der man unbedingt folgen
möchte. Das Schöne ist, dass man sich die Zeit für den Weg dorthin nimmt:
Vorbei (vorbei!) an Zeichnungen von Kerstin Seltmann, die in ihrer Kostbarkeit
ein Reichtum verschwenden den es eigentlich nur in unseren Träumen gibt. Kleine
Malereien sind das, die ihre Dimensionen aus Spaß minimiert haben.“
Genau so ! In diesem Befinden fühle ich mich bestärkt. Und
ich bemerke zunächst mental –und zunehmend deutlicher – so etwas wie eine
existentielle Veränderung in der Form, in der Formulierung der Bilder von
Kerstin Seltmann. Das sieht völlig anders aus als früher. Was hat es damit auf sich?
Als erstes: die Prioritäten haben sich geändert und führen
schlicht zu einer neuen Präsenz. Eine Positionierung ohne Kalkül; einfach so
passiert, aus Sehnsucht, Lebensfreude, Gegenwehr. Man braucht das nicht benennen.
In dieser Ausstellung jedenfalls weht ein anderer Wind. Du kannst freier atmen
und der Akt der Unterwerfung ist quasi ausgeschlossen. Die Dinge scheinen
offener und zugleich konkreter in ihrer Lesbarkeit. Das wird noch deutlicher in
dem exzellenten Katalog übrigens der taufrisch zur Ausstellung erschienen ist
und auch käuflich zu erwerben ist.
Nichts aus einem Guss; nichts aus einem Munde – und ein für
allemal wahr und gültig: Mischformen, Zwischenwelten, Zwischenreiche, Horizonte.
Die Aufforderung zum Tanz funktioniert und ist tatsächlich auch so gemeint. Du
darfst beruhigt irritiert sein über die Bienen an der Säule, die Gänse aus dem
Boden, deren seltsamer Anblick zunächst ungläubig fragen lässt: was ist denn
das? Das sind herrliche
Ambivalenzen, wie die Wesen selbst und das Leben sowieso. So schön so eine
Biene von Nahem auch ist; das pelzige Hinterteil gelb schwarz, die filigranen
Flügel, nützliche, fleißige Arbeit leisten sie ohnehin… Aber man ist besser auf
der Hut, bevor sie Einem den gefürchteten schmerzlichen Stich zufügen.
Über die Gänse übrigens lässt sich nichts Freundlicheres
sagen, als das, was Sie hier sehen: Sie, die Gänse, können` gottlob` nicht von
der Stelle, halten ihren Schnabel, - und
die Köpfchen schön in die Höhe. Wenn sie nämlich dieselben in die Waagerechte
lenkten, eiligen Gänsefußes sich uns näherten, hackt der schöne orangefarbene
Schnabel zu, dreht das gepackte und auf diese Weise fest im Schnabelgriff
befindliche Wadenfleisch zumeist noch ein wenig herum, nach links oder rechts
Gemeinerweise. Und der Mensch, angereichert durch diese nachhaltige Erfahrung,
wird demnächst lieber das Weite suchen beim Anblick einer solchen Schar. Mir
selbst wurde auf diese Weise ein gehöriger Respekt vor einem gewissen Ganter
namens Hans eingeflößt. Nur nebenbei – eine geniale plastische Lösung; schön
befremdlich und dennoch stimmig nach allen Regeln der Kunst: Einzeln und als
Ensemble auch.
Aber im Grunde ist es schon so, die Kreatürlichkeit, die
Tiere und die Pflanzen, hat die Künstlerin schon immer interessiert. Aber, sie
waren nicht so direkt gemeint, waren Anlass zum Tun: Eine parallele Welt, vor
oder neben oder hinter der eigenen. … Die großen Bilder. Tote Schwäne,
überfahrene Frösche, Herzen, die Konturen umkreist, verschichtet, umschlossen,
verschlossen. Indiz für allgemeinere Befindlichkeiten – eine Naturmetaphorik,
die zuforderst an den eigenen Gemütszustand gebunden war und einen weiten, mitunter
zu weiten Raum für Interpretationen bot, wie sie die Künstlerin so nicht mehr
möchte. Irgendwie, so scheint es, will Kerstin Seltmann die Zusammenhänge
konkreter haben, näher, persönlicher vielleicht. Die Möglichkeit nutzen, über
das zu erzählen, was sie kennt, genau beobachtet hat, ihr lieb geworden ist und
am Herzen liegt, – als eine Art Einsicht, mittendrin. Die Anrührung, die feine
Empfindung. Die Häsin, die sich eindeutig als respektable Person zu erkennen
gibt – obwohl als Vogel geboren. Und darüber hinaus ist es doch so, Seltmann
interessiert es durchaus, ob es für die Wesen, `den gestürzten Esel` zum
Beispiel noch eine Chance zum Leben in dieser Welt gibt. – Dies durchaus
stellvertretend. Die Oberflächen sind bered, lassen mitleiden, anfühlen mit den
Augen. Die gefundene Instabilität gerade in den Skulpturen ist in sich stabil,
ein Gestaltungsprinzip, künstlerisches Maß.Und es ist diese Einmaligkeit, diese so sehr faszinierende
Umsetzung von Realität, die sie mit hinein nimmt in ihre Bildräume, direkt in
die Landschaft zum Beispiel. Mitten drin thront das Katertier, im Grunde
unsichtbar aber eindeutig wahr zu nehmen, wenn man den Duktus spürt. Unten im
Bilde, im Nebel die Rehe, als graphische Bildfindungen, Striche fast nur. Das
sind keine Erfindungen! Sie sehen so aus in Wirklichkeit bei den Spaziergängen
mit ihrem Hund Braque am Morgen, an einem Wintertag. Doch, sie kommt aus ohne
jedes Mittel der Illusionierung von Bildräumlichkeiten. Die Fläche hat genug
Raum für den artifiziellen Zauber. Nichts ist bemüht. Die Dinge scheinen sich
wie von selbst einzustellen, immer weiter. Der Fundus schier unendlich. In
ihrer Vielgestaltigkeit brechen die Impulse einander, und dadurch bleibt die
Balance immer in jener Gefährdung, die eine gute Spannung hält.Und doch, es ist so etwas wie Gelassenheit, Gelöstheit, die
über all dem liegt und fast heiter stimmt; lustig nicht. Denn immer schwingt
Melancholie mit und Sinnlichkeit, mischen sich mitunter ein, in die ohne
Zweifel komischen Züge ihrer Kunst und formulieren letztlich eine Stimmung, von
der ich nie genug bekommen kann. Eine Stimmung, die ich immer schon in ihren
Zeichnungen, den Bildern auf Papier, gefunden habe. Eine schöne Renaissance ist
das hier. Aus der Dunkelheit endlich ans Licht: Die Tagebuchmysterien der
feinsten Art – unendliche Geschichten und Poesie wechseln sich ab mit Notizen,
Einfällen, Anfällen. Gefunden, aufgehoben, erhöht oder wieder verworfen.
Eingesponnen mit tausendfachen Linien - `der italienischen Stiefel`. So wie er
im Blatt steht, har er doch alle Freiheit sonst was zu sein; zart wie aus
feinstem Elfenlockenhaar der Strich … Ein anderes Mal die unumwunden klare
Kontur, kräftig, verschwiegen oder schwelgerisch. Nuancenreich die Farbe oder
in tiefster Eigenwertigkeit gefeiert. Eine Leichtigkeit des Seins, der man
unbedingt trauen möchte; eine Frische, die ihre Jugendlichkeit nicht ans Alter
abzugeben braucht und dennoch alle Weisheit der Welt am Leibe hat. Und
schließlich, sehr geehrte Damen und Herren, liebe Kunstfreunde, vergessen Sie
nicht die Treppe herabzusteigen ins Allerheiligste, in die Krypta. Da finden
Sie ein Tagebuch auf dem Tisch und Engel an der Wand. Dieser stimmige Klang, das
ist es doch was wir brauchen. …
Start Skulpturen/sculpture Graphik/print Landschaften/landscape Skizzenbücher/sketchbooks Zeichnungen/drawing Bilder/picture
Annette Dorgerloh Katalogtext/ Workbook 2008
Seltmann: Ländlich (2006)
I Nachdem ich bereits vor Jahren eines ihrer dramatischen
Metamorphosen-Bilder, die große „Daphne“ in Rot erworben hatte, sollte es nun
Seltmanns harmonische Kemlitzer Landschaft in Weiß und Grün sein. Ich gebe zu,
ich liebe auch Seltmanns Bilder toter Schwäne, wünschte mir jetzt aber aus
vielerlei Gründen für meinen Arbeitsraum diese schöne Landschaft, die den Titel
"Ländlich" trug.
II Die
Schlichtheit der Seltmann’schen Bildtitel täuscht:
Oftmals verbergen sich gerade hinter ihnen die komplexesten
Kompositionen. Ihre
Titel kommen meistens freundlich daher, besitzen aber durchaus auch
eine
ironische Komponente. Sie geben das zu sehen, was der Titel sagt, doch
dazu
noch viel mehr und anderes. Manchmal isoliert der Titel einzelne
Bildelemente
oder Tätigkeiten wie Frösche, Zelten oder Wintersport,
manchmal aber markiert
er eine distanzierte Perspektive, als wollte die Malerin verschleiern,
daß in
ihren Farben immer auch viel Herzblut steckt. Das ist nicht nur der
Form,
sondern auch den Gegenständen geschuldet.
In besonderer Weise mag das für die 2007 entstandene
Kemlitzer Landschaft gelten. Das Bild markiert eine Zäsur
innerhalb ihres
Schaffens, weil es am Beginn einer – für die Malerin selbst
überraschenden -
Wiederbeschäftigung mit der Landschaft stand. War es zuvor so,
dass
Landschaften vor allem im Winter viele ihrer Bildgegenstände
umgaben, so
begannen sie jetzt ein eigenes Motiv zu bilden. Das hier vorgestellte
Bild
hätte daher auch ordentlich 'Landschaft' heißen - oder
zumindest den Namen
Kemlitz im Titel tragen können. Da es das nicht tut, stellt sich
die Frage nach
den Gründen für diese Entscheidung: Was bedeutet das Attribut
„ländlich“ für
eine Malerin, die seit einigen Jahren schon in einem Dorf lebt und
arbeitet?Der Begriff, für den es kein direktes Synonym gibt, wird
gemeinhin mit provinziell – im Sinne von schön, malerisch,
verkehrsarm,
abgelegen, idyllisch, beschaulich und friedvoll – gleichgesetzt.
Daß es das ist
und zugleich nicht ist, zeigen im Grunde genommen alle ihre Bilder auf
eine
nachhaltige Weise. Bei der ihr eigenen Farbenschönheit hat sich
Kerstin
Seltmann idyllisierenden Vereinfachungen stets und vehement verweigert.
So
überraschte es nicht, dass z.B. ihre Bilder der Ostseeküste
tote Schwäne
zeigten, ihre Kemlitz-Bilder überfahrene Frösche und
irgendwelche Insekten,
deren bildliche Inszenierung jedoch – lässt man sich darauf
ein - eine
besondere malerische Delikatesse offenbaren, die den Bilderhunger stets
aufs
Neue wachzuhalten vermochten. Was nun wird in der Arbeit
"Ländlich" zu sehen
gegeben und auf welche Weise?
III
In einer fließenden Horizontalbewegung aus grün- und
ockerfarbenen Tönen schichtet sich in der unteren Bildhälfte eine ruhige
Landschaft auf. Diese wird von einem hohen, sehr hellen Himmel überspannt, der
überraschenderweise belebt ist: Fünf geflügelte Wesen bilden hier einen
Fledermaus-Reigen, der das Bild fast in seiner gesamten Breite bestimmt. Dunkle
Linien binden die Tiere fast unmerklich zurück an die Struktur der
Bildlandschaft, die sich in sanften Schwüngen auf der Ebene erstreckt. Ihre
vielfältigen Grün- und Erdtöne widersprechen dem weißen Winterhimmel,
wenngleich die hellen Höhungen unten an Reif oder Spuren von Schnee durchaus
erinnern.
Gibt man sich mit dieser ersten flüchtigen Bestandsaufnahme
nicht zufrieden, lässt das Bild nach und nach weitere
Besonderheiten erkennen:
Was im unteren Drittel des Bildes wie eine Draufsicht erscheint,
verändert sich
in der Perspektivwirkung der darüber liegenden
Landschaftsschichten tendenziell
in eine Vertikalschichtung, so dass der Blick unmerklich nach oben
gezogen
wird.Dem forschenden Blick erwachsen aus der relativ flachen
Landschaft mit dem witzigen Fledermausreigen am Himmel allmählich
„Störungen“.
Auch wenn man seinen Augen nicht zu trauen glaubt, so erweist sich die
dunkle
Form in der zweiten oberen Bildzone tatsächlich als ein Fisch.
Wahrscheinlich
ist der Kemlitzer Dorfteich auch nicht weit, man ahnt seine Umrisse in
der
winterlichen Zone. Noch nachhaltiger verändert eine intensivierte
Wahrnehmung
die Deutung der linken Bildhälfte. Was zunächst wie ein
bloßer Hügel erschien,
der nach links oben abknickte, vielleicht auch bekrönt von einem
schiefen
Bauwerk, formiert sich nun bei intensiverer Betrachtung zu einem
weiteren Tier,
das mit engagiertem Blick aus dem Bild herausschaut. Die langen
Fühler an
seinem quadratischen Kopf lassen es den Seltmann’schen Insekten
zuzuordnen.
Perfekt getarnt steht es als Teil der Landschaft auf einem eigenen
Podest wie
ein Redner, ein Prediger dasteht, will man auch zeigende Arme erkennen,
die in
die Landschaft weisen, indem sie diese zugleich bilden. Dieses
zombiartige
Wesen erwächst der Landschaft, auf die es wiederum verweist, als
vermöge er sie
– unter dem Beifall der Fledermäuse - zu erklären, zu
interpretieren.Wieder sind es die Tiere, die so häufig Seltmanns
Bilder
bestimmen. Obwohl ich eigentlich weiß, daß Insekten, aber
auch Fische in ihren
Arbeiten immer wieder eine große Rolle spielen, habe ich sie bei
diesem Bild
lange übersehen. Wer weiß, vielleicht gehört auch die
Kemlitzer Gegend
insgeheim den Tieren, die sie bevölkern.
Seitdem ich sie endlich im Bild erkannt habe und ihren
wunderbaren Aktionismus in der Bildhandlung zu würdigen weiß, nimmt das Bild
einen – gefühlt – größeren Platz an der Wand ein und ist präsenter als zuvor.
Wahrscheinlich liegt genau darin das Besondere guter Kunst begründet: Ich
fürchte, ich werde wieder mehr davon brauchen…